Die Stadt, die Pandemie und der Müll

Die Stadt, die Pandemie und der Müll

So nah dran waren wir dran ein Umdenken in der Breite unserer Gesellschaft zu erreichen. Einweg-Becher für den morgendlichen Coffee-to-go auf dem Weg zur S-Bahn waren zunehmend out, Mehrwegbecher dafür nicht nur angesagt, sondern auch ein Statement. Nicht nur in den öffentlich-rechtlichen, sondern auch in den Privatsendern befassten sich die abendlichen Ratgeber-Sendungen mit plastikfreiem Konsum und Einkaufen in Unverpackt-Läden. Und jetzt?

An sonnigen Tagen muss man sich auf den öffentlichen Plätzen schon etwas umsehen, um Menschen zu finden, die ohne einen Einweg-Kaffebecher unterwegs sind. Nicht weil alle plötzlichen Kaffeedurst verspüren. Vielmehr ist er ein preisgünstiges, an jeder Ecke verfügbares Instrument, um sich mal für eine halbe Stunde von der Maskenpflicht zu befreien, Sonne an die blasse Mundpartie zu lassen und dem Gegenüber ein sichtbares Lächeln zu schenken. Doch wir wollen nicht nur zusammen Kaffee trinken: Das gemeinsame Essen ist eine Kulturtechnik, die seit unserer Urzeit als Jäger*innen und Sammler*innen eine wichtige soziale Funktion erfüllt. Deswegen können wir nicht darauf verzichten, auch wenn die Restaurants als Orte gesellschaftlichen  Zusammenseins geschlossen bleiben müssen. Wir sind sogar bereit große Abstriche bei Menüauswahl, Komfort und Service hinzunehmen. Eine Pizza im Karton auf einer nicht ganz vogelkotfreien Bank am Flussufer tut es auch. Oder was asiatisches für zu Hause? Für welche kulinarische Richtung man sich auch entscheidet, immer läuft es auf voluminöse Einwegverpackungen hinaus. Unsere Mülleimer-Infrastruktur, die schon vor Beginn der Corona-Pandemie unter der Müll-Flut am Wochenende ächzte, ist jetzt täglich auf verlorenem Posten. Die Standorte der Mülleimer erkennt man an gut besuchten öffentlichen Orten schon von Weitem am Müllhaufen drum herum.

Die Pandemie als Problemanzeiger

Im vergangenen Jahr haben wir in vielen Lebensbereichen sehen müssen, wie die Corona-Pandemie bestehende und meist bekannte aber unbequeme Defizite verstärkt und für uns unübersehbar macht. Ein von Consulting-Firmen zusammen gekürzter Gesundheitssektor, der mit ein paar Hundert Euro Bonus und ein paar Wochen Klatschen auf dem Balkon belohnt wird; Frauenhäuser, die schon vor CoViD-19 nicht die von der Bundesregierung in internationalen Verträgen zugesagten Kapazitäten hatten und nun im Lockdown die Vielzahl von Opfern häuslicher Gewalt erst recht nicht aufnehmen können; eine digitale Infrastruktur in den Schulen, die den Anschluss an die Informationsgesellschaft schon vor Jahrzehnten verpasst hat und eine öffentliche Verwaltung, die ihre eGovernment-Kompetenz bislang oft mit kaum mehr als einem online beantragbaren Anwohner-Parkausweis unter Beweis stellte, bei Ausbruch der Corona-Pandemie ihre Informationen per Fax weiterleitete und sich angesichts der zu bewältigenden Massenimpfungen nun heillos in einem gewaltigen Bürokratie-Knäuel verfangen hat.

Es ist leicht, diese und noch viele weitere Vorwürfe zusammen zu tragen, denn sie stehen seit einem Jahr jeden Tag in der Zeitung. Doch wo wir mit dem Zeigefinger auf andere weisen, zeigen immer die drei anderen Finger auch auf uns selbst. So sind die überquellen Mülleimer in unseren Städten ein Indikator für das tief verankerte Missverständnis in unserer Gesellschaft, dass immer andere für unsere Hinterlassenschaften verantwortlich sind und dass man quasi ein Recht darauf hat, Verpackungen, Kaugummis und Zigarettenkippen unter sich fallen zu lassen, sofern einem nicht im Radius von 50 Metern eine öffentliche Entsorgungsmöglichkeit zur Verfügung gestellt wird. Ein paradoxes Verhalten, denn im privaten Raum oder eigenem Garten würde niemand wagen, Unrat einfach fallen zu lassen, um den Weg zum Abfalleimer zu sparen. Die bewusste Vermüllung des öffentlichen Raumes ist also eine Selbstüberhöhung und damit eine Geringschätzung aller anderen Menschen, denen der öffentliche Raum genau so gehört. Das ist nicht wirklich überraschend in einem Land, dass jedermann lebensgefährliche Hochgeschwindigkeitszug-Raserei auf Autobahnen gestattet und dieses Risiko auch Unbeteiligten aufbürdet. Natürlich geht es auch anders. Nicht nur, dass es außer in Deutschland, Afghanistan, Bhutan, Haiti, Nepal und Somalia in allen anderen Ländern vernünftige Tempobeschränkungen gibt.

Verantwortung für das eigene Chaos

Zwar sind die Japaner*innen keinesfalls ein Vorbild wie man Verpackungsmüll vermeidet.  Über ein Kilo pro Person erzeugen sie täglich. Dafür machen sie uns vor, dass es menschenmöglich ist, den eigenen Müll unterwegs nicht nur nicht auf die Straße zu werfen, sondern einfach mitzunehmen und zu Hause zu entsorgen. So findet man nirgendwo in japanischen Großstädten öffentliche Mülleimer. Aus Angst vor Anschlägen mit in Abfalleimern versteckten Giftgasbomben verschwanden die meisten Mülltonnen Mitte der Neunziger Jahre aus der Öffentlichkeit. Seither sind die Japaner*innen gewöhnt, dass Müll Privatsache ist und haben bei Mülltrennung zu Hause einen akribischen Sportsgeist entwickelt. Das Motto lautet frei übersetzt: „Übernehme Verantwortung für dein eigenes Chaos zum Wohle aller.“ Ein Mantra, das sich darüber hinaus noch auf viele weitere Lebensbereiche sinnvoll übertragen lässt.



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