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Effektiv helfen – aber wie? Fairer Handel, Spenden, Effektiver Altruismus: Möglichkeiten die Welt zu verbessern

Von 3 months ago 223 Views keine Kommentare

Ein Veranstaltungsbericht

Das Konzept des Effektiven Altruismus hat Kriterien für sinnvolles und nachhaltiges Helfen entwickelt. Der Effektive Altruismus setzt sich damit auseinander, wie Veränderungen am besten erreicht werden können. Dabei spricht er sich gegen Katastrophenhilfe und den Fairen Handel aus. Die Kontroverse über die Frage „Wie kann man effektiv helfen?“ liegt damit auf der Hand. Die Steuerungsgruppe der Fairtrade-Stadt Frankfurt am Main lud vor diesem Hintergrund Ende Februar 2018 Steffen Weber vom Weltladen-Dachverband als Vertreter des Fairen Handels, Daniel Berthold von Effektiver Altruismus Karlsruhe und Katja Maurer von der Spendenorganisation Medico International ein, um gemeinsam in der Evangelischen Akademie am Frankfurter Römerberg zu diskutieren.
Moderiert wurde die Veranstaltung von Bernd Ludermann dem Chefredakteur der Zeitschrift Welt-Sichten.
Er fragte zunächst Daniel Berthold als Fürsprecher des Effektiven Altruismus, nach welchen Prinzipien seine Bewegung ihre Handlungsfelder auswähle.
Berthold erklärt es am Beispiel der einstmals bejubelten PlayPump, einer karussellartigen Wasserpumpe, mit der Kinder in Gegenden ohne Wasserversorgung beim Spielen als Nebenwirkung zusätzlich auch noch Wasser pumpen. „Das hat überhaupt nicht funktioniert. Schließlich musste man die Kinder bezahlen oder die Frauen mussten an dem Karussell im Kreis laufen. Um die für einen Tag notwendige Wassermenge zu pumpen, musste man es außerdem 27 Stunden drehen“, erzählt Berthold. Dieses Projekt sei damit nicht nur ineffektiv sondern sogar kontraproduktiv gewesen.

von links nach rechts: Daniel Berthold (Effektiver Altruismus, Karlsruhe), Moderator Bernd Ludermann (Welt-Sichten, Frankfurt), Katja Maurer (Medico International, Frankfurt), Steffen Weber (Weltladen-Dachverband e.V., Mainz)

von links nach rechts: Daniel Berthold (Effektiver Altruismus, Karlsruhe), Moderator Bernd Ludermann (Welt-Sichten, Frankfurt), Katja Maurer (Medico International, Frankfurt), Steffen Weber (Weltladen-Dachverband e.V., Mainz)

Ähnlich ist es mit der Kritik des Effektiven Altruismus am Prinzip des Fair Trade: „Es kommen doch nur 1 bis 10 Prozent des Geldes an“, so Daniel Berthold. Außerdem seien Fair Trade-Produkte oft Genussprodukte, für die die Bauern ohnehin hohe Preise bekämen. „Kaffeebauern sind mit die reichsten Menschen, die auf dem Land wohnen.“
Aus Sicht des Effektiven Altruismus sei die Unterstützung von Organisationen wie der Against Malaria Foundation, die in den Malariagebieten der Welt Mückenschutznetze für nur zwei Euro an die Bevölkerung abgibt, viel effektiver.
„Der Effektive Altruismus wählt seine Handlungsfelder nach drei Fragestellungen aus: Ist das Problem groß? Ist es vernachlässigt? Ist es lösbar?“

Hier hält Katja Maurer von der Hilfsorganisation Medico International dagegen: „Ich habe große Probleme mit dem Begriff ‚Effektivität‘, weil er Hilfe nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten bewertet. Dieser Ansatz ist aus meiner Sicht apolitisch.“ Medico International habe dagegen den menschenrechtlich-philosophischen Ansatz, dass alle Menschen gleich sind. Sie sei deshalb gegen eine Einteilung arm, ärmer, am ärmsten.

„Es kommt nicht darauf an, den Menschen mehr zu geben, sondern ihnen weniger zu stehlen“ (Jean Ziegler)

Steffen Weber vom Weltladen-Dachverband haut in die selbe Kerbe. Der Effektive Altruismus sei oberflächlich und wenig fundiert. Er reduziere den Fairen Handel auf die Frage des fairen Preises. Doch die sei nur ein Punkt unter vielen und dabei nicht einmal der wichtigste. Vielmehr stünden die Gewährleistung von Stabilität und Investitionen in Entwicklung im Vordergrund.
„Der Effektive Altruismus wischt die jahrzehntelangen Bemühungen des Fairen Handels leichtfertig beiseite und gefährdet damit das dahinter stehende Prinzip“, ärgert sich Weber.

Katja Maurer von Medico International ist hier ganz bei dem Chef des Weltladen-Dachverbands. Der Effektive Altruismus führe zu einer Verbetriebswirtschaftlichung der Solidarität. „Der Effektive Altruismus mag eine junge Bewegung sein, aber eigentlich ist er doch nur Mainstream.“
Die zu Grunde liegende Evaluierung im Effektiven Altruismus bedeute ein Ranking von guter, besserer und schlechterer Hilfe.

Steffen Weber: „Dort, wo ich ausnahmsweise einmal in direktem Bezug stehe mit Menschen an einem anderen Ort der Welt, soll ich akzeptieren, dass jemand 16 Stunden in einer Fabrik für einen ausbeuterischen Lohn arbeiten muss?!
Und nach dem Effektiven Altruismus soll ich kein Fair Trade kaufen und die dadurch eingesparte Differenz an eine Hilfsorganisation spenden?!
Da muss ich erst mal tief durchatmen.“

Hier gibt Moderator Bernd Ludermann dem Vertreter des Effektiven Altruismus die Chance wieder zu Wort zu kommen und fragt ihn: „Konsumieren sie ethisch?“

-„Ich achte darauf, nicht die billigsten Produkte zu kaufen“, antwortet Berthold.

Diese Antwort stimmt Steffen Weber dann doch wieder etwas gewogener: „Der Effektive Altruismus ist eine tolle Bewegung, die sehr anziehend ist für junge Leute. Aber zu glauben, dass man komplexe Zusammenhänge einfach so berechnen kann, da verhebt man sich. Es fehlt an Bescheidenheit darüber, was man mit objektiven Maßstäben beurteilen kann.“

Hier konfrontiert Moderator Bernd Ludermann dann die Medico Interational-Sprecherin mit folgender These: „Nicht alles, was den Gebenden ein gutes Gefühl gibt muss entwicklungspolitisch sinnvoll sein.

Und Katja Maurer antwortet: „Da ist was dran. Durch die vielen Spenden ist beispielsweise Haiti heute schlechter dran als vorher. Das Interesse der Spender und Organisationen war dort nicht, zu tun, was sinnvoll gewesen wäre, sondern womit man schnelle Erfolge vorzeigen konnte. Außerdem waren die Versprechungen zu hoch: ‚Wir bauen Haiti wieder auf.‘
Doch die notwendigen sozialen Strukturen wurden nicht wieder mit aufgebaut. In diesem Punkt hat der Effektive Altruismus dann doch recht, wenn er die Frage nach der Effektivität stellt.“

Ausgerechnet aus dem Publikum - vonDorothee Schäfer-Bier vom Weltladen Gelnhausen - kommt das inhaltliche Schlusswort der Veranstaltung in Form einer rhetorischen Frage: „Was haben wir [als Weltläden] falsch gemacht, dass wir nur über das Geld reden?
Dabei geht es doch nicht darum, wie viel ich für mein T-Shirt bezahlt habe, sondern darum, dass für dieses T-Shirt keiner Näherin die Fabrik über dem Kopf eingestürzt ist, dass dafür nicht der Aralsee ausgetrocknet ist und dass Bauern auf ihren Baumwollfeldern nicht von Flugzeugen mit Pestiziden besprüht wurden.“