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Fair Trade als Chance für Frauen

Von Anna Lena 2 years ago 1385 Views keine Kommentare

Mehr als die Hälfte der Menschen in Indien lebt direkt oder indirekt von der Landwirtschaft. Dabei erwirtschaften sie aber nur ein Siebtel des indischen Bruttosozialproduktes.

Die Bauern in Indien stehen damit ganz am Ende der Einkommenspyramide des Landes. Eine Bauernfamilie verdient im Monat nach Regierungsangaben 2115 Rupien – das sind gerade mal 25 Euro. Rund 60 aller Bäuerinnen und Bauern sind bis über beide Ohren verschuldet.

Das hier das System aus den Fugen geraten ist zeigt sich an dem Paradox, dass in Indien die Menschen, die die Lebensmittel des Landes produzieren selbst oft hungern müssen. Und die Einkommen fallen weiter, denn die Landwirtschaft wird für viele Menschen immer unrentabler.

Grund dafür sind vor allem die ökologischen Folgen der jahrzehntelangen unnachhaltigen, rücksichtslosen Landwirtschaft. Die Böden sind vielerorts durch den rücksichtslosen Einsatz von giftigen Pestiziden verseucht, der Grundwasserspiegel durch schonungslose Wasserwirtschaft zu weit abgesenkt.

Landflucht

Eine Untersuchung des Zentrums für die Erforschung von Entwicklungsgesellschaften (CSDS) in Delhi hat ergeben, dass drei Viertel aller Bäuerinnen und Bauern, den Bauernberuf sofort aufgeben würden, wenn sie Alternativen hätten um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Nach der Volkszählung von vor fünf Jahren hängen täglich 2300 Landwirte ihren Beruf an den Nagel und suchen in den Städten nach Arbeit.

Doch die Landflucht zerreißt wie überall auf der Welt auch in Indien Familien, zerstört jahrhundertalte dörfliche Strukturen des Zusammenlebens und eine Kultur, die über Jahrtausende von und mit der Landwirtschaft gelebt hat. Dabei werden die Menschen nicht nur physisch, sondern auch seelisch entwurzelt. Denn die Mega-Slums in den wuchernden Großstädten sind wahre Knochenmühlen.

Menschen, die vorher auf dem Land noch schlecht aber selbstbestimmt leben konnten, stehen in den Molochen in gnadenlosem Konkurrenzkampf mit Millionen anderen um schlecht bezahlte Jobs als Tagelöhner.

Die Gesundheitsversorgung und Bildungschancen sind dabei kaum besser als auf dem Land. Seit 2007 sind bereits 37 Millionen indische Bauern in die Städte abgewandert. 15 Millionen kehrten aber wegen fehlender Aussichten und Arbeitsplätze wieder zurück.Für viele gibt es aber oft keinen Weg mehr zurück.

Nach der indischen Polizeistatistik nahmen sich in den vergangenen 17 Jahren etwa 300.000 Bäuerinnen und Bauern das Leben. Unvorstellbar, wenn nun 600 Millionen Menschen in die ohnehin schon wuchernden Megastädte Indiens strömen würden.

Ziel muss deshalb sein, die Landwirtschaft des Landes so zu transformieren, damit die Menschen die dort arbeite, darin Perspektiven für ihre Zukunft erkennen.

Das erfordert aber Erzeugungsprozesse und Strukturen auf dem Land, die nachhaltig und biologisch sind und neben einem hinreichenden Einkommen auch Bildungsangebote und eine moderne Gesundheitsversorgung vor Ort bereit halten.

Die Verliererinnen

Unter den Verwerfungen in der Landwirtschaft und den Herstellungsprozessen aus landwirtschaftlichen Erzeugnissen leiden besonders die Frauen.

In Indien sind die Unterdrückung der Frauen, sexuelle Gewalt und patriarchalische Machtstrukturen unveränderte Realität, die besonderes in den ungebildeten, einkommensschwachen und armen Schichten noch deutlicher als in der Restgesellschaft ausgeprägt ist.

Gleichzeitig wird die Arbeitskraft von Frauen sowohl in der Stadt als auch auf dem Land hemmungslos ausgebeutet. Und auch bei der Versorgung mit Lebensmitteln werden Frauen nicht selten benachteiligt. Noch deutlicher ist die Ungleichbehandlung im Bildungswesen.

Im letzten Jahrzehnt ist die Alphabetisierung im Land um rund 10 Prozent gestiegen. Doch Frauen und Mädchen haben davon kaum profitiert.

Ausgesprochen hart ist der Lebensalltag für Frauen aus Indiens Ursprungsbevölkerung, den Adivasi, oder den kastenlosen Dalits, die als Volksgruppen ohnehin schon an den Rand der Gesellschaft gedrängt sind und oft große Benachteiligung erfahren müssen.

Fairer Handel für Geschlechtergerechtigkeit

Doch gerade Frauen profitieren in dieser schlechten Ausgangslage besonders deutlich und schnell von Chancen, wenn sie ihnen denn eingeräumt werden.

Das zeigt sich beispielsweise dort, wo der Fair Trade-Gedanke umgesetzt wird.

Dabei geht es nicht bloß um den Grundgedanken, faire Preise bis hinunter an die kleinen Erzeugerinnen und Erzeuger zu zahlen, die die Feldarbeit verrichten.

Der Aufbau von direkten, partnerschaftlichen und langfristigen Handelsbeziehungen steht ebenso im Vordergrund, wie die Förderung biologischer Landwirtschaft, Unterstützung bei der Vermarktung durch Zusammenschluss zu Genossenschaften und das Verbot von ausbeuterischer (Kinder)Arbeit.

Weltweit sind in den Fair Trade-zertifzierten Unternehmen über ein Viertel der Angestellten weiblich.

In Indien,Sri Lanka und Pakistan stellen Frauen 55 Prozent der Beschäftigten unter den Fair Trade-Agrarbetrieben. Das ist ziemlich viel. Im Mittleren Osten sind es nämlich zum Beispiel nur 44 Prozent Frauen in den Betrieben mit Fair-Trade-Siegel.

Am höchsten ist der Frauenanteil in Äthiopien und in Südafrika: 70 Prozent. Insgesamt ist in vielen afrikanischen Fairtrade-Netzwerken der Frauenanteil oft bemerkenswert. Denn dort haben sich viele Frauen zu rein weiblichen Fair-Trade-Genossenschaften zusammengeschlossen. Das zeigt, dass im Fairen Handel große Chancen für die Entwicklung der Geschlechtergerechtigkeit stecken.

Doch auch Fairtrade International erklärt in seinem jüngsten Monitoringbericht zu Nutzen und Chancen des Fairen Handels, dass Fairtrade sein Potential zur Erreichung von mehr Geschlechtergerechtigkeit nur dann voll ausspielen kann, wenn konkrete Projekte vor Ort stattfinden, die auf die Überwindung der Benachteiligung von Frauen explizit abzielen.

Die Chancen für die beschäftigten Frauen können zusätzlich verstärkt werden, wenn Frauenförderungsprogramme in einem Unternehmensumfeld stattfinden, wo sich bereits ein Bewusstsein für das Frauen-Empowerment entwickelt hat.

Meist ist dies der Fall, wenn Betriebe selbst von Frauen geleitet werden.

Im vergangenen Jahr stellte Fairtrade zum ersten Mal eine Gender-Beauftragte ein, die nun daran arbeitet Förderkonzepte für Frauen zu erarbeiten und sich besonders dem Kampf gegen die Frauendiskriminierung in Erzeugerländern widmet.

Zudem haben der asiatische und der lateinamerikanische Regionalverband gemeinsam ein Trainingsangebot entwickelt, mit dem vor allem jungen Frauen Fähigkeiten vermittelt werden sollen, um ihre Bedürfnisse in den Fair Trade-Genossenschaften noch deutlicher zu formulieren und durchzusetzen.

Frauenförderung als Unternehmenskultur

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen und die Rechte von Frauen sind in Indien leider auch heute noch in vielen Bereichen weit entfernt von menschenwürdigen Standards.

Wirkliche Veränderung zum Besseren wird es in Indien sicherlich nur dann geben, wenn sich die indische Gesellschaft dem schwierigen Prozess stellt und ihre Denkweise und Sozialverhalten ändert.

Das Land will und wird in diesem Jahrhundert sowohl wirtschaftlich als auch in vielen einzelnen weltpolitischen Zusammenhängen eine bedeutende Rolle spielen.

Doch als ein solcher Akteur in einer modernen und globalisierten Welt ist Indien verpflichtet, wirkliche Gleichberechtigung für seine Frauen auch in der Realität zu schaffen und nicht nur auf dem Papier.

Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg, der Zeit braucht.

Doch Wandel für die Frauen im Land kann auch Stück für Stück im Kleinen vor Ort erreicht werden und das auch unabhängig von staatlichen Institutionen und Maßnahmen.

Unternehmen haben hier viel Potential, denn schon lange zeigt sich in Indien, dass die Betriebe dem gesellschaftlichen Fortschritt nicht selten um Längen voraus sind.

Deshalb arbeitet Sense Organics eng mit einem Textilbetrieb zusammen, der von einer Frau geleitet wird und sich gezielt für Frauen einsetzt.

Besonders Frauen aus ländlichen Regionen, in denen die Benachteiligung besonders groß ist, können in dieser Textilmanufaktur arbeiten und wohnen und werden ärztlich-medizinisch durch ein ambulantes Team des Roten Kreuzes betreut.

Es gibt einen Kindergarten und eine Kantine, in der jeden Tag frisch gekocht wird (unter anderem mit biologisch angebautem Gemüse aus dem eigenen Garten).

Damit soll den Frauen Chancen gegeben und Mut gemacht werden, ihr Leben und ihre Zukunft gleichberechtigt und selbstbestimmt gestalten zu können.